Hintergrund
In der Medizin bleibt die Entwicklung und Anwendung von Therapien mit maximaler Wirksamkeit und minimalen Nebenwirkungen für jeden einzelnen Patienten und jede einzelne Patientin eine der entscheidenden Herausforderungen. Therapien und Medikamente weisen oft nur bei einigen Patienten eine gute Wirksamkeit auf, während andere Patienten keine Besserung erfahren oder sogar schwere und zum Teil gefährliche Nebenwirkungen entwickeln. Die Personalisierte Medizin zielt darauf, individuell und bestmöglich zu behandeln.
Ein Zentrum für Personalisierte Medizin (ZPM) verbindet molekulare Diagnostik, medizinische Bildgebung und individualisierte Therapie mit modernster Datenanalyse, Datenintegration und Dateninterpretation. Biobanking sowie spezialisierte Aus- und Weiterbildungen sind wesentliche Bestandteile. Das Behandlungskonzept der Personalisierten Medizin trägt darüber hinaus dazu bei, unnötige und kostenintensive Therapien zu vermeiden, da nicht alle Patientinnen und Patienten mit der gleichen Behandlungsmethode therapiert werden, sondern nur diejenigen, bei denen nach umfangreicher Diagnostik und klinischer Datenanalyse, die individualisierte Therapieentscheidung einen Erfolg verspricht. Seit 2019 wurden an zahlreichen Universitätsklinika ZPMs für Onkologie etabliert. Am CiiM in Hannover, als gemeinsame Einrichtung der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und des Helmholtz Zentrums für Infektionsforschung (HZI), entsteht Deutschlands erstes ZPM für Infektiologie (ZPM-INF).
Ziele und Aufgaben
Das Zentrum für Personalisierte Medizin in der Infektiologie (ZPM-INF) verfolgt das Ziel, bewährte Strukturen der Personalisierten Medizin, wie sie in der Onkologie bereits etabliert sind, auf den Bereich der Infektionsmedizin zu übertragen. Im Fokus steht dabei die Verknüpfung moderner molekularer Diagnostik mit evidenzbasierten, teils KI-gestützten Therapieentscheidungen und individualisiertem Patientenmanagement. Ein zentraler Mechanismus hierfür ist der Aufbau strukturierter Bewertungs- und Entscheidungsprozesse, die sich an den molekularen Tumorboards der Onkologie orientieren. In sogenannten Infektionsboards (regelmäßig stattfindende interdisziplinäre Fallkonferenzen) sollen individuelle Therapieempfehlungen auf Grundlage klinischer, epidemiologischer und molekularer Parameter entwickelt und ein Beratungsforum für infektiologisch tätige niedergelassene Ärztinnen und Ärzte in Niedersachsen - und perspektivisch deutschlandweit - geschaffen werden. Zukünftig soll das Board in eine interoperable digitale Plattform eingebettet werden, welche die semantische Suche und LLM-basierte Entscheidungsvorschläge unterstützt. Ein wesentliches Anliegen ist die zeitnahe Überführung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse aus der Infektionsforschung in die klinische und ambulante Versorgung. Neue Biomarker, diagnostische Algorithmen oder innovative Therapieoptionen sollen rasch bei den Patientinnen und Patienten ankommen, sobald belastbare Evidenz verfügbar ist.
Aufgaben und Schwerpunkte sind die Entwicklung einer Fachkonzeption für das ZPM-INF, die Entwicklung von Pilot-Use-Cases aus der Versorgungspraxis von Kliniken und Instituten mit Infektionsschwerpunkt der MHH, der Ausbau eines Netzwerks für personalisierte Medizin bei Infektionskrankheiten in Niedersachsen und darüber hinaus, die Beratung zu personalisierter Medizin am CiiM sowie die Durchführung klinischer Studien und die Einbindung KI-gestützter Datenanalyse.
Pilot Use-Cases
Die Überlegungen zu den zukünftigen Schwerpunkten des ZPM-INF führten zur Entwicklung von sieben Pilot-Anwendungsfällen. Diese werden sich mit den Themen chronische Virushepatitis, Therapie multiresistenter Infektionen, adoptive T-Zell-Therapie, nichttuberkulöse Mykobakterien, Post-COVID/Long-COVID, Nachweis neuer Infektionserreger mit NGS-Methoden und HIV-Infektion befassen. Es ist geplant, für die zentrale Koordinationsstelle des ZPM-INF und für die Anwendungsfälle weitere Drittmittel zu akquirieren.
Projektstatus
Im Jahr 2024 fanden sich auf Initiative des CiiM zahlreiche an der Infektionsforschung und Infektionsmedizin interessierte Kliniker und Forscher der MHH zusammen. In den ersten zwei Treffen konnten Idee gesammelt und Eckpunkte für den Aufbau eines Zentrums für Personalisierte Medizin in der Infektiologie festgehalten werden. Seit 2025 werden regelmäßige Online-Fallkonferenzen als Infektionsboard für den Anwendungsfall der Virushepatitis durchgeführt. Als von der Ärztekammer Niedersachsen zertifizierte Fortbildungsveranstaltung können ambulant und stationär tätige Ärztinnen und Ärzte kostenfrei teilnehmen und individualisierte Behandlungsoptionen ihrer Patientinnen und Patienten besprechen. Die Anmeldung erfolgt über die Koordinierungsstelle des ZPM-INF. Weitere Indikationen sind in der Planung.
Unser Netzwerk
- Centre for Individualised Infection Medicine (CiiM)
- Zentrum für Personalisierte Medizin Onkologie am CCC
- Antibiotika-Stewardship-Team (ABS) an der Klinik für Pneumologie und Infektiologie
- Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie, Infektionskrankheiten und Endokrinologie
- Klinik für Herz-, Thorax-, Transplantations- und Gefäßchirurgie
- Institut für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene
- Klinik für Neurologie
- Klinik für Nieren- und Hochdruckerkrankungen, Transplantationen
- Klinik für Nuklearmedizin
- Klinik für Pädiatrische Hämatologie und Onkologie
- Klinik für Pneumologie und Infektiologie
- Klinik für Rheumatologie und Immunologie
- Klinik für Hämatologie, Hämostaseologie, Onkologie und Stammzelltransplantation
- Institut für Transfusionsmedizin und Transplant Engineering
- Institut für Virologie
- Peter L. Reichertz Institut für Medizinische Informatik
- Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI)
Weitere Kooperationen in Niedersachsen, deutschlandweit und international werden angestrebt.
Kontakt
Förderung
Ein gemeinsames Wissenschaftsförderprogramm des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur und der VolkswagenStiftung.